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Das Ende der Freiheit der Lehre an der Universität München (7.6.2008)

Die Ludwig-Maximilians-Universität München schmückt sich zwar damit, daß an ihr die Geschwister Scholl in ihrem Widerstand gegen die Nationalsozialisten tätig waren, aber Lehren aus der Geschichte scheint sie keine gezogen zu haben. Ein Hort der Meinungs- und Wissenschaftsfreiheit ist sie jedenfalls nicht. Weil der emeritierte BWL-Professor Friedrich Hanssmann an der Universität München in seiner Vorlesung über "Unternehmensethik auf christlicher Grundlage" Auffassungen aus der christlichen Tradition oder das Christentum stützende Thesen vertreten hat, hat der Dekan der Fakultät für BWL, Prof. Dr. Dr. Manuel René Theisen, umgehend Hanssmanns Vorlesungsskripten im Internet löschen lassen und der Vorlesung die Anerkennung als Prüfungsleistung entzogen, als in der Süddeutschen Zeitung ein Hetzartikel gegen Hanssmann erschien. Wie ein Artikel in der F.A.Z. vom 29. Mai berichtete, genügte ein Anruf eines SZ-Journalisten beim Dekan, um ihn dazu zu bewegen, noch vor dem Erscheinen des Artikels in der SZ die der Political Correctness widersprechende Lehrveranstaltung abzusetzen.

Der von Martin Thurau verfaßte SZ-Artikel verwendet die üblichen Mittel des Propaganda-Journalismus, um den Unterton "Der Mann muß weg!" zu erzeugen. Schon in der Überschrift wird die Lehrveranstaltung als "verquere Vorlesung" bezeichnet. Mit dem verächtlichen Beisatz "Unbestreitbar, der Mann hat seine Verdienste" wird die Tatsache kommentiert, daß Hanssmann 28 Jahre lang Ordinarius an der Universität München und sogar selbst Dekan der Fakultät für Betriebswirtschaftslehre war. Um dem Artikel gleich die richtigen Vorzeichen zu geben, wird vor der Darstellung des Inhalts das Vorlesungsskript als "eine wilde Mischung aus ökonomischen Formeln, aus Wirtschaftsglauben, christlichem Traktat und beinhartem Fundamentalismus" bezeichnet.

Das Wort "Fundamentalismus" hat keine klare Bedeutung. Es dient allein der Brandmarkung von Auffassungen und Personen, denen man die Möglichkeit zur freien Meinungsäußerung entziehen möchte. Durch die häufige Verwendung in Medien wie der SZ entsteht ein Chor mit dem Tenor "Nieder mit ihnen!", mit dem man mehr Erfolg in der Bekämpfung mißliebiger Auffassungen und Personen hat als man es mit einer inhaltlichen Auseinandersetzung hätte. Ähnlich wie die Fundamentalismus-Keule funktioniert auch das Wort "Kreationismus" in dem Satz "Ganz nebenbei zeigt Hanssmann auch noch überdeutliche Sympathie für den sogenannten Kreationismus". In dem Skriptum kommt das Wort nicht ein einziges Mal vor. Der Journalist verwendet es nur, um Hanssmann ins Abseits zu stellen, um ihn auszugrenzen. Hanssmann glaubt, daß Gott das Universum geschaffen hat. Na und?

Martin Thurau pickt aus dem Vorlesungsskript die Thesen heraus, von denen er offensichtlich meint, daß sie verboten gehören. Zunächst einmal die These, daß ein Zusammenhang zwischen christlichen Werten und Wirtschaftsleistung bestehe. Der Journalist schreibt, Hannsmann "versucht sich an der Beweisführung" dieser These. Wie das beim SZ-Journalismus so üblich ist, wird die im Wort "versucht" versteckte Behauptung, daß die Beweisführung nicht gelinge, durch keinerlei Andeutung eines Argumentes gestützt. Daß Hanssmann die These durchaus gründlich erörtert, sowohl durch Argumente als auch durch Bezug auf Studien, kann man in Kap. 3 des Vorlesungsskriptes nachlesen. Hanssmann untersucht dort verschiedene Möglichkeiten der Erklärung wirtschaftlicher Leistung. Er untersucht fünf Erklärungshypothesen, die er ablehnt, und kommt zu dem Schluß, daß das christliche Wertesystem der stärkste Faktor für wirtschaftliche Leistung sei. Von diesen fünf nennt nun Martin Thurau genau die zwei, die er verwenden kann, um Hanssmann in ein schlechtes Licht zu stellen. Nämlich erstens die Hypothese, daß Länder ohne Kolonialherrschaft wirtschaftlich erfolgreicher seien, und zweitens die These, daß die weiße Rasse wirtschaftlich erfolgreicher sei. Hanssmann bestreitet gerade die Kolonialherrschaftsthese und die These der Überlegenheit der weißen Rasse und stellt sie als völlig unplausibel dar. Martin Thurau aber stellt es durch Zitieren des Ausdrucks "die Überlegenheit der weißen Rasse" so dar, als nehme Hanssmann eine Überlegenheit der weißen Rasse an. Die von Hanssmann ausführlicher untersuchten, aber ebenfalls abgelehnten Thesen, daß das Klima oder das marktwirtschaftliche System Kausalfaktoren für wirtschaftliche Leistung seien, nennt Martin Thurau gar nicht. Das zeigt, daß es ihm nur darum geht, Hanssmann in die Nähe des Rassismus zu stellen.

Von den acht Ursachen für die Arbeitslosigkeit, die Hanssmann nennt, nennt der Journalist Martin Thurau genau eine: Heute gibt es viel mehr Doppelverdiener-Familien als früher. Wären heute weniger Ehefrauen mit Kindern erwerbstätig, wäre die Arbeitslosigkeit geringer. Martin Thurau will offensichtlich, daß so etwas in einer Lehrveranstaltung nicht gesagt werden darf, denn er fährt fort: "Wie ein solches Gebräu zu den hohen Standards einer 'forschungsgeleiteten Lehre' passen soll, die die LMU gerne für sich reklamiert, weiß Manuel Theisen, Dekan der BWL-Fakultät, auch nicht zu beantworten." Ohne irgendwelche Einwände gegen Hanssmanns Auffassungen vorgetragen zu haben, nennt der Journalist sie ein "Gebräu" und suggeriert, daß das Vertreten dieser Auffassungen mit "hohen Standards" und mit "forschungsgeleiteter Lehre" unvereinbar sei. Martin Thurau trägt für diese These keinen einzigen Grund vor. Es gibt auch keinen rationalen Grund für diese These, deshalb kann Martin Thurau ihr nur durch Suggestionen und Propagandatricks Nachdruck verleihen.

Das Schlimme ist nun, daß ein Dekan der Ludwig-Maximilians-Universität so einem Hetzartikel in der SZ Folge leistet. Natürlich müßte die Antwort auf den Artikel lauten, daß Hanssmann frei ist, die Thesen in seinen Lehrveranstaltungen zu vertreten, die er für richtig hält, ganz gleich, ob der Dekan selbst oder ein anderer Professor oder gar ein Journalist der SZ sie für richtig hält. In der Wirtschaftsethik gibt es natürlich verschiedene ethische Auffassungen. Jede Forschungsthese ist da kontrovers. Zur "forschungsgeleiteten Lehre" gehört es gerade, daß nicht nur in der Forschung, sondern auch in Lehrveranstaltungen kontroverse Auffassungen vertreten werden. Das ist ein denkbar klarer Fall der Errungenschaften der Meinungsfreiheit und der Freiheit von Lehre und Forschung an öffentlichen Universitäten. Wie konnte es geschehen, daß der Dekan umgehend der Vorlesung die Prüfungsanerkennung entzogen hat? Entweder der Dekan hat dem Druck des Journalisten nachgegeben oder er hat mit ihm kooperiert. In jedem Fall ist es ein unerhörter Vorgang.

Jetzt gibt es nur eine Möglichkeit: Die Absetzung der Vorlesung als Studienleistung muß rückgängig gemacht und der Vorgang muß aufgeklärt werden. So etwas darf an der Universität München nicht wieder vorkommen. Es geht hier überhaupt nicht darum, ob man Hanssmanns Thesen für richtig hält. Es geht um die Meinungs- und Wissenschaftsfreiheit. Und für die muß man sich einsetzen egal, ob es einen selbst oder jemanden, der anderer Meinung ist, betrifft.

Studenten berichten, daß an der LMU München auch in anderer Hinsicht die Meinungsfreiheit kein sehr hoher Wert zu sein scheint: Seit einiger Zeit dürfen sowohl evangelische als auch katholische Studentengruppen keine Veranstaltungen mehr in Räumen der LMU abhalten. Sie bekommen keine Räume mehr für Vortragsveranstaltungen wie es sie früher an der LMU gab und wie es sie selbstverständlich an anderen Universitäten in Deutschland und in anderen freien Ländern gibt. Es ist, als ob der Atheismus sich nun dafür rächen will, daß es in früheren Jahrhunderten für ihn keine Meinungsfreiheit gab, und nun allen christlichen Positionen und Aktivitäten die Meinungsfreiheit nehmen möchte. So kommen wir vom Regen in die Traufe. Der einzige Ausweg: Meinungsfreiheit und Freiheit für Forschung und Lehre!

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Adressen

Frankfurter Allgemeine Zeitung
Leserbriefe
D - 60267 Frankfurt
Email: leserbriefe ET faz.de

Dekan der Fakultät für Betriebswirtschaft an der LMU

Herrn Prof. Dr. Dr. Manuel René Theisen
Ludwig-Maximilians-Universität München
Fakultät für Betriebswirtschaft
Geschwister-Scholl-Platz 1
D-80539 München
Email: theisen ET bwl.lmu.de
Fax: +49 (0) 89 / 2180 - 3874
Tel: +49 (0) 89 / 2180 - 3681

Der Präsident der Ludwig-Maximilians-Universität München

Prof. Dr. Bernd Huber
Geschwister-Scholl-Platz 1
80539 München
Fax: +49 (0) 89 / 2180 - 3656
E-Mail: praesidium ET lmu.de

Der Wissenschaftsminister

Herrn Staatsminister Dr. Thomas Goppel
Bayerisches Staatsministerium für Wissenschaft, Forschung und Kunst
D-80327 München
Email: poststelle ET stmwfk.bayern.de oder info ET thomas-goppel.de
Telefax (08193) 999237

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